Hanna Reitsch – Auszüge

Aus dem Buch „Fliegen – Mein Leben“ möchte ich Ihnen hier einige Auszüge vorstellen. Die Schilderungen einer mutigen Frau, die so sehr symbolisieren, was unserem Volk inne wohnt. Ziehen Sie Ihre Schlüsse aus dem, was Ihnen Hanna über Opfermut berichtet und dann genießen Sie weiter ein Dasein als glücklicher Sklave, oder stehen endlich auf. In den 1990-jer Jahren fasste Armin Preuss ihre Gedanken schon zusammen. Als PDF in deutsch und russisch am Ende des Textes.

Gespräche mit Himmler

Unter den Blumen und Geschenken, die ich im Regensburger Lazarett empfing, war eines Tages auch ein Päckchen von Himmler, dem ein persönlicher Brief bei gelegt war. Es enthielt eine Tafel Schokolade und eine Flasche Obstsaft. In seinem Schreiben wünschte mir Himmler baldige Gesundung und bat, nichts zu unterlassen, was eine völlige Wiederherstellung beschleunigen könne.

Ein wenig ratlos und verlegen betrachteten meine Mutter und ich Brief und Gabe, deren Einfachheit und Unaufdringlichkeit von den vielen großen Blumenarrangements anderer so wohltuend abstach.

Himmlers Namen zu erwähnen, wurde bis dahin in unserer Familie vermieden. Meine Mutter sah in ihm den Widersacher des Christentums; somit gehörte er nicht zu uns.

Seine kleinen Geschenke wiederholten sich während meiner Krankheit in regelmäßigen Abständen, stets begleitet von einigen Zeilen von seiner Hand, die so schlicht und natürlich waren, daß auch meine Mutter davon nicht unbeeindruckt blieb. Sie war schließlich davon überzeugt, daß das Bild, welches wir uns von Himmler gemacht hatten, falsch sein könnte. Unsere Vorstellung beruhte nur auf dem, was man uns über sein Wirken zugetragen hatte.

Mutter, der es immer darauf ankam, jedem Menschen in Güte gerecht zu werden und Irrtümer zu beseitigen, drang nach meiner Gesundung darauf, daß ich mich bei Himmler für seine Fürsorge bedanke.

Es war an einem schönen Julitag 1943, als ich in seinem Hauptquartier in Ostpreußen mit meinem Flugzeug kurz vor dem Abendbrot eintraf. SS-Führer empfingen mich und brachten mich zu Himmler. Freundlich kam er mir entgegen und begrüßte mich. Von Anfang an empfand ich die Atmosphäre in seiner Umgebung wohltuend; denn es herrschte sowohl im Verkehr der Männer untereinander, wie auch mit Himmler, ihrem Vorgesetzten, Freimut und Natürlichkeit, so daß ich davon nur angenehm berührt sein konnte. Dieser Eindruck verstärkte sich während des Abendessens, das ganz einfach gehalten war.

Danach hat Himmler mich in sein Arbeitszimmer. Zum erstenmal stand ich ihm jetzt allein gegenüber. Um bei ihm keinen falschen Eindruck zu erwecken, den er aus meinen echt empfundenen Dankesworten hätte gewinnen können, gestand ich ihm, daß die Erwähnung seines Namens in unserer Familie immer ein Erschrecken hervorgerufen habe.

Himmler hörte ganz ruhig zu und fragte dann:

„Urteilen Sie immer so rasch, Frau Hanna?“

Er schob mir einen Sessel hin und setzte sich mir gegenüber:

„Was hat Sie denn bei meinem Namen so erschreckt?“

„Wo soll ich da beginnen?“ sagte ich. „Wie können Sie, um ein Beispiel zu nennen, Menschen das aus dem Herzen reißen, was ihnen heilig ist und was Sie durch nichts, auch gar nichts Gleichwertiges ersetzen können?“

Jetzt erfolgte von Himmler ein scharfer Angriff auf die Glaubwürdigkeit der christlichen Lehre, wobei er in der Bibel sehr bewandert schien und zum Beweis manches anführte, wovon mir die Kenntnis fehlte, um es widerlegen zu können. Ich wollte deshalb auf das mir

Wesentliche kommen:

„Hier geht es um einen Glauben“, sagte ich bestimmt. „Ich kann Sie nicht zwingen, diesen Glauben zu teilen. Aber als Führer müssen Sie Ehrfurcht haben und den Glauben anderer achten und nicht antasten.“

Ich führte noch manches darüber aus, obwohl ich mir bewußt war, daß ich Himmler nicht zu einer Änderung seiner Denkart bewegen konnte. Doch wollte ich, daß er meine Einstellung darüber in aller Offenheit erführe.

Wir kamen dann auf ein anderes Problem zu sprechen, das mir am Herzen lag, es war die Einstellung zu Frau und Ehe. Ich warf Himmler vor, daß er sie nur vom rassisch-biologischen Standpunkt betrachte, die Frau nur als Trägerin des Kindes werte und durch Richtlinien an die SS, von denen ich allerdings nur gerüchtweise gehört hatte, die Moral untergrabe und die Heiligkeit der Ehe zerstöre. Eine solche ehrfurchtslose Einstellung zur Frau mußte, nach meiner Ansicht, zum Niedergang eines Volkes führen.

Himmler ging auf meine Anwürfe sachlich und sehr ausführlich ein. Er versicherte, daß er meine Auffassung uneingeschränkt teile. Entstellungen und Mißdeutungen seien entweder böswillig herbeigeführt worden oder aus Unkenntnis entstanden. Am Beispiel der Stabshelferinnen, die inzwischen beim Heer bereits eingeführt waren und deren Einführung bei der SS zu diesem Zeitpunkt erwogen wurde, erläuterte er mir, wie wichtig es ihm sei, daß dieses Gerücht nicht entstünde. Er selbst hatte Richtlinien entworfen, die sich eng an diejenigen der finnischen Lottas, deren Einsatz und Haltung im Krieg ja beispielhaft waren, anschlossen. Seine Ausführungen mußten mich überzeugen. Ich versäumte nicht, Himmler darauf aufmerksam zu machen, daß der Schein ganz allgemein gegen ihn sprach.

Unser Gespräch dauerte Stunden. Ich hatte inzwischen auch Gelegenheit, mich umzusehen und mußte feststellen, wie schlicht, aber mit wieviel Geschmack dieser Raum eingerichtet war. Besonders fielen mir die schönen alten Stiche an den Wänden auf. Als Himmler merkte, daß sie meine Aufmerksamkeit anzogen, gab er mir zu den einzelnen Bildern eingehende Erläuterungen, die mir zeigten, wieviel er sich damit beschäftigte. Er erzählte mir im weiteren Verlauf unseres Gesprächs auch von der neuen Porzellanmanufaktur Allach und zeigte mir Entwürfe, die er selbst angefertigt hatte. Er wurde auch nicht ärgerlich, als ich ihm auf sein Befragen freimütig erklärte, daß mir ein von ihm entworfener Weihnachtsteller, den er mir zeigte, nicht gefiel, stimmte nach

kurzem Besinnen zu und entschied, daß der Entwurf nicht zur Ausführung kommen sollte.

Als ich mich von ihm verabschiedete, dankte er mir für meine Offenheit, die er, wie er versicherte, in dieser Form noch nicht erlebt habe. Er nahm mir das Versprechen ab, mit jeder Kritik und Beanstandung auch fernerhin zu ihm zu kommen.

Dieses Versprechen habe ich gehalten.

Im Oktober 1944 erschien bei mir im Haus der Flieger in Berlin mein alter Fliegerkamerad Peter Riedel, der zur deutschen Botschaft in Schweden gehörte, warf mir eine Broschüre hin, während er mir aufgeregt zurief:

„Weißt du, was in Deutschland vor sich geht? Dies hier wird uns draußen auf den Tisch gelegt.“

Ich blätterte die Broschüre durch. Sie behandelte die Gaskammern „.Jetzt war ich außer mir:

„Das glaubst du?“ sagte ich empört. „Im ersten Weltkrieg hatte die Feindpropaganda lügenhaft den deutschen Soldaten alle nur erdenklichen Grausamkeiten angedichtet. Jetzt müssen es gleich Gaskammern sein“

Meine Erregung beeindruckte Peter Riedel stark.

„Dir will ich es glauben“, sagte er, bat mich aber, Himmler umgehend darüber zu unterrichten.

Ich rief Himmler an und erhielt die Erlaubnis, in sein Feldquartier zu kommen. Die Broschüre nahm ich mit. Ich legte sie Himmler vor.

„Was sagen Sie dazu, Reichsführer?“

Himmler nahm die Broschüre und blätterte sie durch. Keine Miene verzog sich in seinem Gesicht. Dann schaute er auf und sah mich ruhig an:

„Und das glauben Sie, Frau Hanna?“

„Nein“, rief ich überzeugt, „natürlich nicht. Aber Sie müssen etwas dagegen tun. Das dürfen Sie nicht auf Deutschland sitzen lassen.“

Himmler legte die Broschüre auf den Tisch.

„Sie haben recht.“

Einige Tage später wurde die Nachricht in einer führenden deutschen Zeitung dementiert. Von Peter Riedel hörte ich, daß ein Dementi auch in schwedischen Zeitungen erschienen war.

Rußland

Als der deutsche Wehrmachtsbericht im Februar 1943 die Niederlage von Stalingrad bekannt gab, wurde es dem deutschen Volk in seiner Gesamtheit bewußt, daß es in einem Kampf um Leben und Tod stand.

Nach Stalingrad senkten sich, nunmehr für alle sichtbar, die Schatten über Deutschland. Wir sahen sie immer dunkler fallen und trotz der Propaganda, die unverändert auf Sieg eingestellt war, verdichtete sich Monat für Monat das Gefühl eines unabwendbaren Unglücks.

In den langen Monaten meiner Lazarettzeit hatte ich diese Entwicklung mit wachsender Sorge beobachtet. Nach meiner Gesundung meldete ich mich bei Göring zurück. Überraschend erhielt ich von ihm eine Einladung in sein Haus auf dem Obersalzberg. Dort empfing er mich mit seiner Frau zum Mittagessen. Unser Gespräch drehte sich um meinen Absturz und um das Raketenflugzeug. Zu meinem Entsetzen mußte ich feststellen, daß Göring über den Stand der Entwicklung völlig falsch unterrichtet war. Er glaubte einen schwanzlosen Raketenbomber bereits in großer Serienherstellung, während er in Wirklichkeit noch nicht einmal im Versuchsstadium, sondern nur geplant war. Ich machte ihn darauf aufmerksam, aber ich hatte mit meiner Berichtigung wenig Glück. Göring wurde sehr aufgeregt und verließ sogar voll Zorn den Tisch. Erst seiner Frau, die ganz natürlich und instinktiv fühlte. daß es besser war, eine unangenehme Wahrheit zu hören, als sich selbst zu betrügen‚ gelang es, ihn zu beruhigen. Ein entspanntes Gespräch kam jedoch danach nicht wieder auf. Es war offensichtlich, daß Göring in den ihm fälschlich eingegebenen Vorstellungen sich nicht stören lassen wollte. Es war das letztemal, daß ich bei Göring war.

Zutiefst deprimiert über den Eindruck, den ich empfangen hatte, kehrte ich in den Erprobungseinsatz zurück. Die Raketenversuche wurden jetzt in Bad Zwischenahn in Oldenburg durchgeführt. Hier traf mich der Ruf des Generalobersten Ritter v. Greim, der mich bat, an die Ostfront zu seinen Männern zu kommen, die dort in einem fast übermenschlich schweren Einsatz standen. Ich zögerte nicht einen Augenblick.

Greim war im Mittelabschnitt als Flottenchef eingesetzt. Er war Pour le mérite-Flieger des ersten Weltkrieges und gehörte zu den Offizieren, die Tapferkeit, Lauterkeit der Gesinnung und eine hohe sittliche Lebensauffassung als die wesentlichsten Voraussetzungen für das Offizierkorps ansahen. Der Eid des Soldaten war für ihn ein Begriff, mit dem sich nicht handeln ließ.

Entsprechend war auch sein Verhältnis zu seinen Soldaten. Er hatte eine hohe Ehrfurcht vor dem Leben und hätte keinen seiner Männer, ohne daß es unbedingt notwendig gewesen wäre, einer Gefahr ausgesetzt. Im Einsatz verlangte er von ihnen, was die Umstände geboten.

Seine Offiziere und Soldaten verehrten ihn deshalb wie einen Vater.

Generaloberst v. Greim stand zu diesem Zeitpunkt schon vor der schweren Aufgabe, eine Front unterstützen zu müssen, ohne genug Flugzeuge zu haben. Um so wichtiger schien es ihm, die Moral der Truppen hoch zu halten. Er selbst war voll tiefer Vaterlandsliebe und von einer fast tragischen Strenge der Treuepflicht des Soldaten erfüllt. An die gleichen Kräfte, die in ihm lebendig waren, appellierte er auch bei seinen Männern. Er wußte, daß das nur durch eigenes Beispiel geschehen

konnte. Jedoch schien es ihm nicht genug, daß er selbst immer wieder zu ihnen in die vordersten Gräben ging, er war davon überzeugt, daß eine Frau, die das Ehrenzeichen des Soldaten trug, noch mehr in dieser Richtung erwirken konnte. Wenn er auch bereits den Waffensieg Deutschlands äußerst gefährdet sah, so hoffte er doch, daß es der Führung gelingen würde, mit den westlichen Mächten zu einem Übereinkommen zu gelangen, um das Abendland zu retten.

Im November 1943 traf ich in seinem Hauptquartier, das in einem Wald in der Nähe von Orscha lag, ein. Ich wußte, daß die Aufgabe, die vor mir stand, ungewöhnlich war. Nach meiner Auffassung durfte ich bei dem Ernst der Lage jedoch nicht danach fragen.

In der Nacht hörte ich bis in den Schlaf hinein das unaufhörlich donnernde Rollen der Artillerie von der nahen Front. Am nächsten Morgen, als der Tag eben graute, startete ich mit Generaloberst v. Greim, um in den vordersten Linien seine Flak aufzusuchen, die in Erwartung eines feindlichen Großangriffes standen. Ein zweiter „Fieseler-Storch“ begleitete uns.

Wir flogen in den nördlichen Raum. Es herrschte eisige Kälte.

Zum erstenmal erlebte ich nun den Krieg unmittelbar, wie ihn der Soldat erlebt. Um vom Feind nicht gesehen zu werden, flogen wir dicht über dem Boden, bis wir in Frontnähe beim Stab einer Luftwaffenfelddivision den „Storch“ gegen einen Panzerwagen tauschten, der uns bis dicht an die vordersten Stellungen brachte. Dann mußten wir auch den Panzerwagen zurücklassen. Da der Feind Einsicht nehmen konnte, mußten wir uns gebückt und vorsichtig an die Stellungen heranarbeiten.

Wir hatten jedoch kaum unser Ziel erreicht, als die Russen ein Trommelfeuer eröffneten. Wie automatisch sprang alles in die Erdlöcher hinein, während es um uns her pfiff und krachte, als ob die Hölle ausgebrochen sei. Ich wußte in meiner Angst kaum, wie tief ich in mich hineinkriechen sollte; denn neben uns begann jetzt auch noch ohrenbetäubend die eigene Flak zu antworten, während uns gleichzeitig ein Pulk russischer Flugzeuge mit Bomben bewarf. Verwundete schrien auf, und ihr Schreien war in diesem Inferno ringsherum für mich schrecklicher zu hören als das Pfeifen und Einsehlagen der Granaten und das Rauschen der Bomben, das die Luft erfüllte. Meine feste Überzeugung war, daß niemand von uns hier lebend herauskommen würde.

Ich saß in meinem Erdloch zusammengekauert und fühlte meine Knie gegeneinanderschlagen und versuchte vergeblich, dagegen anzugehen.

Dies hier war einfach stärker als ich. Doch wenn ich an die Soldaten dachte, die das täglich hier erlebten, fühlte ich mitten in meiner Angst eine stille Kraft wachsen.

Wenn es dann sein sollte…

Aber es ging nach endlos scheinender Zeit vorüber. Die Einschläge wurden schwächer und hörten schließlich ganz auf. Der feindliche Angriff war zum Stehen gebracht.

Wir kamen aus den Löchern heraus. Ich half die Verwundeten verbinden. Die einsetzende Feuerpause mußten wir benutzen, um zu den einzelnen Flakstellungen zu kommen. Da die Gefahr zu groß war, sollte ich als Frau nicht mitgehen. Doch ich wußte nun und hatte es an dem Aufleuchten der Augen gesehen, was es für die Männer bedeutete, daß ich aus der Heimat zu ihnen kam. Ich wollte deshalb auf keinen Fall zurückbleiben.

An diesem ersten Tag, dessen Eindrücke ich nie vergessen werde, hatte ich gemerkt‚ wie hinderlich es war, daß ich keinerlei Fronterfahrung hatte. Das machte mich unsicher. Hier lauerte auf allen Wegen Gefahr. Der Soldat wußte, wie er ihr begegnen mußte, und ich wußte es nicht.

Am andern Tag ließ ich mich deshalb während eines feindlichen Artilleriefeuers von einem Unteroffizier unterweisen. Wir hatten einen Panzer als Deckung gewählt. Ich drängte meine Angst zurück und hörte nur angestrengt in das Kraehen und Einschlagen hinein, um die Geräusche genau unterscheiden zu lernen, während klar und ruhig die Stimme des Unteroffiziers ertönte:

„Eigener Abschuß“ – „feindlicher Abschuß“ – „ungefährlicher Einschlag“ – „stehen bleiben“ „Achtung“ – „hinlegen“ und schon krachte es, Erde wirbelte hoch…

Allmählich bekam die Feuerhölle für mich ein Gesicht. Ich gewöhnte mich, jeden Lärm und jedes Geräusch mitzuhören und sie einzeln unbewußt zu definieren. Dadurch fand ich langsam Verständnis für das Geschehen.

Ich besuchte nun an Tagen, an denen durch schlechtes Wetter keine Einsätze geflogen werden konnten, mit dem „Storch“ einzelne Luftwaffeneinheiten im Raum Orseha-Witebsk. Unvergeßlich bleiben mir die Stunden mit den Kameraden, die mich als zu ihnen gehörend in ihren Kreis einschlossen. Bedenken, Sorgen und Fragen wurden an mich herangetragen. Ich vermied es, falsche Hoffnungen zu machen, weil eine Propaganda, die Unmögliches verspricht und deren Unhaltbarkeit sich deshalb über kurz oder lang erweisen mußte, die Kampfmoral schwächen, nicht aber stärken würde. Dabei galt es auf die vielen dringlichen Fragen das richtige Wort zu finden, um den tieferen Sinn des Aushaltens trotz anscheinender Aussichtslosigkeit aufzuzeigen. Unsere Gegner haben uns diese Haltung nach dem Krieg als Schuld angerechnet, obwohl das englische Volk, in ähnlicher Situation nach Dünkirchen, keinen anderen Weg gegangen ist, und Churchill selbst es war, der ihn seinen Landsleuten zur vaterländischen Pflicht machte.

Drei Wochen war ich fast täglich zu Besuch bei den im Kampf stehenden Verbänden mit dem „Fieseler-Storch“. Überall wohin ich kam, erlebte ich die Freude einer inneren Verbundenheit, wie sie in gemeinsamer Not entsteht. Die Flüge unter grauem Himmel über weite, von Partisanen besetzte Strecken, die Gespräche und das Zusammensein in primitivsten Unterkünften und Erdlöchern, der Händedruck, den ich von dem Landser erhielt, – dies alles verdichtete sich von Tag zu Tag mehr zu einem einmaligen Erlebnis, dessen Außergewöhnlichkeit ich gerade als Frau empfand.

Ich fliege die V1

Über das Fliegen der bemannten V 1 ist viel geschrieben und noch mehr geredet worden. Jahre hindurch, bis auf den heutigen Tag, sind immer wieder Sensationsnachrichten durch die Presse der ganzen Welt gegangen. Man überbot sich in Berichten über die aufregende Form der Erprobung und über den Einsatz und den Zweck dieser Waffe. Die von Freund und Feind als Wunderwaffe angesehen wurde. Die wahren Gründe, die zum bemannten Fliegen der V 1 führten, wurden jedoch nie berührt. Bis heute hat die Öffentlichkeit noch keinen Bericht erhalten, der die Voraussetzungen dieses Einsatzes wirklichkeitsgetreu dargestellt hätte.

Es war im August 1943, nach meiner Genesungszeit in Saalberg, als ich, nach Berlin zurückgekehrt, dort eines Tages im Haus der Flieger beim Mittagessen zwei alte Freunde traf, von denen der eine in der Forschung der Luftfahrtmedizin tätig, der andere ein bewährter und erfolgreicher Segelflieger war.

Unser Gespräch galt der Sorge um unser Land. Die Entwicklung der Kriegsgeschehnisse war immer mehr ein Grund tiefster Beunruhigung für jeden Deutschen, der um das Schicksal seines Volkes bangte. Wir waren uns darin einig, daß die Zeit nicht Deutschlands Verbündete sein würde. Täglich sahen und erlebten wir, wie das Land langsam ausblutete, eine Stadt nach der anderen den Bomben zum Opfer fiel, die Produktionsstätten und das Verkehrsnetz von der überlegenen feindlichen Luftwaffe systematisch zerstört wurden, das Material sich immer mehr verknappte und der Tod unter den deutschen Menschen eine fürchterliehe Ernte hielt. Wir waren uns aber auch mit vielen Deutschen nüchtern klar, was uns ein total verlorener Krieg bringen würde.

Roosevelts Forderung von Casablanca nach bedingungsloser Kapitulation war in Deutschland bekannt, und so ahnten wir die kommende Tragödie, in der Schuldige und Unschuldige das gleiche Schicksal teilen würden.

Was in unserer Macht stand, wollten wir tun, um Deutschland davor zu bewahren. Wieviel aber stand in unserer Macht?

Das war die Frage, die mich nun schon seit Monaten bewegte. In den langen Tagen meines Krankenlagers in Regensburg, in den Wochen meiner Einsamkeit in Saalberg hatte auch ich sie mir immer wieder vorgelegt. Uns war bewußt geworden, daß in diesem Krieg, der zu einem Ungeheuer der Technik geworden war, eine Wende nur möglich war, wenn wir dieses Ungeheuer mit seiner eigenen Kraft und dem Einsatz unseres eigenen Lebens überwinden konnten.

Wieviel aber lag dabei in unserer Macht?

Die Frage hatte einer von uns aufgeworfen. Aber als wir uns anblickten, wußte plötzlich jeder vom anderen, daß er die gleiche Antwort hatte.

Es gibt unter Menschen Vorgänge des gegenseitigen Erfühlens und Erahnens, die schließlich zu einem gemeinsamen gleichen Erkennen führen. Hier war es so. Wir setzten uns zusammen, und jeder sprach aus, was er vorher tastend angedeutet hatte.

Deutschland war nach unserer damaligen Meinung aus seiner ausweglosen Situation nur dann zu retten, wenn es gelingen würde, eine günstige Verhandlungsbasis für ein schnelles Kriegsende dadurch zu schaffen, daß man die wichtigsten Schlüsselpositionen des Gegners und die Zentren seiner Widerstandskraft in schnell aufeinander folgenden Schlägen unter Schonung der feindlichen Zivilbevölkerung zerstörte. In Frage kamen unter anderem große Elektrizitätsanlagen, Wasserkraftwerke, wichtigste Produktionsstätten und, im Falle einer Invasion, Schiffseinheiten.

Unsere Überlegungen sagten uns, daß das nur zu erreichen war, wenn sich Menschen fanden, die bereit waren, sich mit einem technisch geeigneten Mittel auf das Punktziel zu stürzen, um es in sein Zentrum zu treffen und damit jede Ausbesserung und Wiederinstandsetzung unmöglich zu machen. Bei einem solchen Einsatz würde es keinerlei Chance für das eigene Leben geben.

Dieser Einsatz durfte weder ein Opfer von „reinen Toren“ sein, welche die tatsächlichen Verhältnisse mißachteten, noch ein Einsatz von blinden Fanatikern oder lebensmüden resignierenden Menschen, die vielleicht damit eine geeignete Form des Abtretens von der Lebensbühne fanden.

Der Selbstopfereinsatz verlangte Menschen, die bereit waren, sich selbst zu opfern in der klaren Überzeugung, daß kein anderes Mittel mehr Rettung bringen konnte.

Mit falschem Idealismus hatte diese Einstellung nichts zu tun; denn sie war nicht allein eine Frage der inneren Bereitschaft, sondern zugleich auch der nüchternsten Berechnung. Der Gedanke durfte nur dann verwirklicht werden, und allein von dieser Voraussetzung ging jeder von uns aus, wenn erwiesenermaßen eine Waffe vorhanden war, die den Erfolg garantierte. Es hätte der Idee dieses Einsatzes widersprochen, wenn nur ein einziges Menschenleben leichtfertig und sinnlos aufs Spiel

gesetzt worden wäre.

Ich muß an dieser Stelle darauf hinweisen, daß zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch nichts über die japanischen Kamicace-Flieger bekannt war. Doch es zeigte sich, daß die Gedanken, die wir an jenem Augusttag in meinem Zimmer miteinander besprochen hatten, im deutschen Volk weit mehr lebendig waren, als wir es ahnten. Überall gab es Menschen, die wie wir zu diesem Einsatz bereit waren. Die meisten von ihnen waren glückliche Familienväter, kerngesund in ihrer Lebenseinstellung. Ihnen lag deshalb nichts ferner als eine Lebensflucht. Doch waren sie überzeugt, daß nur durch diesen Einsatz ihre Frauen und Kinder und ihr Land gerettet werden konnten. Auch wenn die Zahl der Freiwilligen, die dabei den Tod finden würden, in die Tausende ginge, so würde dies nur eine geringe sein gegen die Verlustzahlen an der Front und in der Heimat, welche die Weiterführung des Krieges bringen würde.

Wir hielten unsere Gedanken vor Fremden und Außenstehenden verborgen. Trotzdem bildete sich durch mündliche Übermittlung rasch eine Gemeinschaft. Daß wir oft nicht verstanden wurden, ist nur natürlich, denn hier lockte weder ein ehrgeiziges Ziel noch Ruhm und auch kein spannender Kampf mit der Chance eines gutes Ausganges. Hier wurde die völlige Überwindung des eigenen lchs gefordert.

Von der Führung erwarteten und erhofften wir ohne Zeitverlust eine schnelle Prüfung unserer Gedanken auf ihre Brauchbarkeit hin. Wenn der Einsatz im großen Stil zu einer gut vorbereiteten Durchführung kommen würde, mußte es gelingen, die kriegswichtigen Schlüsselstellungen des Gegners zu zerstören.

Wir ahnten aber nicht, welchen Schwierigkeiten und Widerständen wir begegnen würden.

Bevor wir den Plan Hitler vortrugen, sollte er genauestens bis in die technischen Einzelheiten geprüft werden.

Ich trug Feldmarschall Milch unsere Gedanken vor. Milch lehnte den Einsatz ab. Nach seiner Ansicht widersprach ein soldatischer Einsatz ohne eine Chance zum Weiterleben der Mentalität des deutschen Volkes. Da ich ihm die Berechtigung einer Selbstaufopferung für die Rettung anderer in unserer mündlichen Auseinandersetzung nicht beweisen konnte, bat ich ihn, die Frage den Beteiligten selbst zu überlassen, da sie ja nur das eigene Gewissen anginge.

Wir wandten uns dann an die Akademie der Luftfahrtforschung, die alle in Frage kommenden Wissenschaftler, Techniker und Taktiker zusammenrufen konnte.

Die erste Sitzung, die unseren Plan zum Gegenstand hatte, fand im Winter 1943/44 im Beisein des Kanzlers der Akademie statt. Anwesend waren Sachverständige aus allen kriegstechnischen Gebieten, Sprengstoff- und Torpedosachverständige, Navigations- und Funk- fachkräfte, Schiffsingenieure, Marineoffiziere und erfahrene Flugzeugkonstrukteure. Der General der Jagdflieger und der General der Kampfflieger hatten ebenfalls Vertreter entsandt. Auch Luftfahrtmediziner waren vertreten.

Der Plan wurde grundsätzlich für durchführbar und erfolgversprechend gehalten. Als Gerät sollte eine bemannte Gleitbombe Verwendung finden, und zwar, um Zeit zu sparen, eine bereits vorhandene Konstruktion, die Me 328. Als zweite Möglichkeit wurde die Verwendung der bemannten V 1 erwogen. Je nach Angriffsart und Ziel sollte in die Rumpfspitze eine Spezialbombe oder ein Bombentorpedo eingebaut werden.

Die höchste Stelle mußte nun den Auftrag zur Entwicklung dieser Waffe geben. Wir mußten darum versuchen, Hitler selbst für unseren Plan zu gewinnen. Aber wie vorauszusehen war, gelang es keinem aus dem Kreis meiner Kameraden, bis zu ihm vorzudringen. Da kam mir unerwarteter Zufall zu Hilfe. Am 28. Februar 1944 wurde ich auf den Berghof gerufen, wo mir Hitler eine von Frau Troost entworfene Urkunde zur Verleihung des EK I nachträglich überreichte.

Wir nahmen in dem Raum mit dem Blick auf die Landschaft von Berchtesgaden den Tee ein. Anwesend war nur Hitlers Luftwaffenadjutant Oberst v. Below.

Eine günstigere Gelegenheit, unser Anliegen vorzubringen, konnte es nicht geben. Ich zögerte auch nicht, es zu tun. Das Gespräch, welches sich dann zwischen uns entspann, nahm einen beinahe dramatischen Verlauf.

Zunächst erwies sich, daß auch Hitler dem Gedanken des Selbstopfereinsatzes völlig ablehnend gegenüber stand. Er hielt weder die deutsche Situation für so hoffnungslos, noch den Zeitpunkt für gekommen, um einen derartigen Einsatz zu rechtfertigen. Diesen Zeitpunkt zu bestimmen, wollte er sich selbst vorbehalten.

In langen monologartigen Ausführungen legte er seine Ansicht dar und begründete sie eingehend mit geschichtlichen Beispielen, die er von weit her holte. Ich merkte, daß trotz der augenscheinlich zwingenden Logik in seinen Gedankengängen, die er in klarer und prägnanter Formulierung vortrug, ein Trugschluß lag, und wandte deshalb ein. daß die Lage, in der sich Deutschland jetzt befand, meines Erachtens nicht damit vergleichbar sei und nur noch mit besonderen Mitteln gemeistert werden könnte.

Meine Bemerkung veranlaßte Hitler, in seinen weiteren Ausführungen mit Plänen über den Einsatz von Spezial-Düsenbombern zu operieren, von denen ich mit Gewißheit wußte, daß sie erst in der Entwicklung standen und dann noch lange Zeit vergehen würde, ehe sie serienmäßig hergestellt und danach eingesetzt werden könnten. Während ich ihm zuhörte, wurde mir die verhängnisvolle Tragweite dieser unwirklichen, von Wunschträumen genährten Vorstellungswelt klar. Ich vergaß in diesem Augenblick Hitlers Autorität, mein Temperament ging mit mir durch. Ich unterbrach einfach seine Rede. „Mein Führer“, rief ich laut, „Sie sprechen von den Enkeln eines Embryo.“ Überrascht sah Hitler auf und blickte mich fragend an.

Das Ende der peinlichen Pause, die nun zwangsläufig eintrat – ich sah das erstarrte Gesicht von Oberst V. Below – wartete ich gar nicht erst ab, sondern fuhr fort, Hitler an Hand von Tatsachen, deren ich ganz sicher war, zu beweisen, daß er sich im Irrtum befinde.

Ich hatte die gute Stimmung Hitlers zerstört. Sein Gesicht zeigte jetzt einen verärgerten Ausdruck und seine Stimme klang gereizt, obwohl er immer noch konventionell höflich blieb, als er mir zu verstehen gab, daß ich nicht genügend unterrichtet sei, um die Lage richtig beurteilen zu können. Damit drohte das Gespräch, auf das ich meine ganze Hoffnung gesetzt hatte, ergebnislos zu verlaufen. Das aber durfte um der Sache willen nicht sein. Ich nahm mir deshalb ein Herz und brachte die Sprache noch einmal auf den Selbstopfereinsatz. Dabei griff ich auf seine zu Anfang unseres Gesprächs gemachte Äußerung zurück und bat ihn, daß wir diese Waffe vorbereiten dürften, damit sie zu dem von ihm zu bestimmenden Zeitpunkt zum Einsatz bereitstünde. Hitler willigte darin ein, wollte jedoch selbst vorerst nicht damit belastet werden.

Zehn Minuten später trug mich der Wagen vom Berghof zurück nach Berchtesgaden, wo mich meine Kameraden erwarteten.

Das Weitere lag nun in der Hand des Chefs des Generalstabes der Luftwaffe, General Korten. Er teilte die Männer des Selbstopfer-Einsatzes einem Geschwader zu, das sie als Sondergruppe aufnehmen und betreuen sollte. Von den Tausenden, die zum Einsatz bereit waren, wurde zunächst nur eine kleine Gruppe von etwa siebzig Mann eingezogen. Später, wenn das technische Gerät einsatzbereit und erprobt wäre und auch Form und Führung des Einsatzes feststünden, sollten die anderen Männer einberufen werden.

Die schriftliche Meldung zum Selbstopfer-Einsatz hatte folgenden Wortlaut: „Ich melde mich hiermit zum SO-Einsatz als Führer der bemannten Gleitbombe. Ich bin mir bewußt, daß dieser Einsatz mit dem Tod endigt. (Unterschrift)“.

Selbstverständlich gab auch ich sofort meine Meldung ab, hielt mich jedoch zunächst nach Rücksprache mit einem Kameraden der Formation selbst fern, um nicht der militärischen Befehlsgewalt zu unterstehen. Daß diese Entscheidung richtig war, sollte sich später zeigen, als sich Führung und Form des Einsatzes nicht in unserem Sinne entwickelten und für mich auf diese Weise eine Intervention außerhalb der Formation möglich war.

Mit der technischen Vorbereitung wurde das Reichsluftfahrtministerium beauftragt. Glücklicherweise lag sie dort in den besten und gewissenhaftesten Händen, denn der Leiter der Abteilung, Heinz Kensche, gehörte selbst zu den einsatzbereiten Männern. Ich wurde gebeten‚ mit ihm zusammen die fliegerische Erprobung der Geräte zu übernehmen.

Sie fand zunächst in Hörsching bei Linz mit der Me 328 statt, die wir anfänglich für diesen Zweck vorgesehen hatten. Die Me 328 war ursprünglich als Jäger oder Zerstörer geplant gewesen. Sie war in Gemeinschaftsarbeit der Firma Messerschmitt und einer Luftfahrtforschungsanstalt konstruiert worden und sollte von zwei Argus-Schmitt-Rohren angetrieben werden. Nach den ersten Versuchsflügen war jedoch diese Entwicklung vom Ministerium abgestoppt werden.

Nun sollte sie von uns ohne Triebwerk als eine Art bemannte Gleitbombe für den SO-Einsatz Verwendung finden. Sie war ein Einsitzer mit ganz kurzen Flügeln, etwa vier bis fünf Meter Spannweite. Gleitzahl war bei zweihundertundfünfzig Kilometer je Stunde rund eins zu zwölf.

bei siebenhundertundfünfzig Kilometer je Stunde rund eins zu fünf. Die Me 328 konnte nicht selbständig starten, sondern wurde im Huckepack-Schlepp auf der Tragfläche des Bombers Do 217 zur Erprobung auf eine Höhe von dreitausend bis sechstausend Meter getragen. Man konnte sich im Führersitz der Me 328 von der Do 217 selbst abkuppeln und ohne irgendwelche Schwierigkeiten die Maschine während des Fluges von den Tragflächen abheben. Die Flugeigenschaften reichten für den vorgesehenen Zweck aus. Wir mußten gute Sicht, Bequemlichkeit, große Wendigkeit, Längsstabilität und Kursstabilität fordern.

Diese Bedingungen wurden erfüllt.

Die Erprobungen waren im April l944 abgeschlossen. Im Auftrage des Ministeriums sollte nun ein Thüringer Werk den Serienbau übernehmen. Aus mir bis heute nicht ersichtlichen Gründen ist die Serie jedoch niemals richtig angelaufen. Nicht eine einzige Serienmaschine ist in unsere Hände gelangt.

Wie sehr bedauerten wir, daß wir nicht von vornherein auch den zweiten Vorschlag vorbereitet hatten, nämlich die bemannte V 1 zu verwenden. Doch wer konnte uns jetzt eine Hilfe bringen, die zu diesem Zeitpunkt und dieser Kriegslage noch einen Sinn hatte?

Sie kam uns dennoch unerwartet. In diesen Tagen sagte sich bei mir im Haus der Flieger überraschend Otto Skorzeny, der Mussolini-Befreier, telephonisch an. Bisher kannte ich ihn nur von Bildern und von dem‚ was man sich von seinem abenteuerlichem Einsatz erzählte. Zur verabredeten Stunde stand er vor mir. Seine große, breite Gestalt füllte fast den Rahmen meiner Tür. Seine warmen und freundlichen Augen verrieten nicht, daß sich hier Herz mit soviel männlicher Härte und Tapferkeit paarten. Die erste Verbindung schuf schnell der österreichische Dialekt‚ den Skorzeny sprach — für mich heimatlich vertraut.

Skorzeny kam von Himmler, der ihm von unserem Plan berichtet hatte. Er selbst hatte sich mit dem Einsatz von Sonderwaffen eingehend beschäftigt und stand bereits in Verbindung mit der Marine, die mit Einmanntorpedos und Tauchern ebenfalls einen Weg suchte, um eine Wende in der Entwicklung des Krieges zugunsten Deutschlands in letzter Stunde herbeizuführen. Unabhängig von uns war ihm der Gedanke der Verwendung der V 1 gekommen.

Nun war er hier, um mit mir die Durchführbarkeit des Planes zu beraten. Er konnte nicht ahnen, daß wir deswegen bereits in Besprechungen mit den maßgeblichen Fachleuten standen. Doch sollte es dann ausschließlich Skorzenys Hilfe sein, die den Plan in kürzester Zeit Wirklichkeit werden ließ. Er ging dabei ebenso großzügig wie abenteuerlich vor, indem er bei den entscheidenden Stellen alle Bedenken und Hindernisse einfach mit dem Vorwand hinwegfegte, daß er die Vollmachten besitze und angehalten sei, darüber Hitler laufend Bericht zu erstatten.

Es scheint mir selbst heute fast unglaublich, daß es einem Stab von Konstrukteuren und Luftfahrtingenieuren tatsächlich gelang, die V 1 in wenigen Tagen umzukonstruieren und umzubauen. Die bemannte V 1 erhielt die Tarnbezeichnung „Reichenberg“. Sie wurde streng geheim gehalten. Mit Ausnahme von wenigen Männern wußte niemand von ihrer Existenz, selbst jene nicht, die an der normalen V 1 arbeiteten.

Die V1 wurde in verschiedenen Ausführungen konstruiert und mit den bereits vorhandenen Serienteilen der V 1 zum Einfliegen fertiggestellt.

Die erste Ausführung war eine einsitzige V 1 mit abgefederter Knie und Landeklappe, um landen zu können, mit Triebwerk versehen und diente zum Trainieren. Der Führersitz befand sich direkt hinter dem Flügel.

Die zweite Ausführung war eine doppelsitzige V 1, bei der ein Sitz vor der Fläche, der andere hinter der Fläche lag. Sie hatte Doppelsteuer, war ohne Triebwerk und sollte den SO-Männern als Schulmaschine dienen. Da jede Landung mit der V 1 besonders schwierig war, sollten aus den Reihen dieser Männer die besten als Fluglehrer ausgebildet werden, die dann auch jeweils die Landung nach dem Training durchführen sollten. Bei der Gesamtheit der SO-Männer durfte man nicht ohne weiteres voraussetzen, daß sie eine Landung ohne Gefährdung ihres Lebens durchführen konnten.

Die dritte Ausführung war die sogenannte Einsatzmaschine, einsitzig, mit Triebwerk, ohne Landemöglichkeit, das heißt, ohne Knie und ohne Landeklappen.

Ich stellte mich für die Erprobung zur Verfügung. Die Militärerprobungsstelle Rechlin wollte jedoch die Erprobung mit eigenen Piloten durchführen. An einem sommerwarmen Tag flog ich mit meiner Bücker 181, begleitet von dem baumlangen Otto Skorzeny nach Lärz, um den Versuchen beizuwohnen. Als wir in Lärz landeten, war schon alles für den Versuchsflug vorbereitet. Die V 1 hing unter der rechten Tragfläche des Bombers He 1 1 1 . Der Start der bemannten V 1 erfolgte im Tragschlepp der He 111, und zwar in der gleichen Weise, in der die unbemannte V 1 gestartet wurde, nachdem die Katapult-Abschußrampen in Feindeshand gefallen waren. Der Aktionsradius der unbemannten V 1 hätte nichtmehr ausgereicht, um von deutschen Plätzen aus die englischen Ziele zu erreichen1.

Bei der bemannten V 1 kam ein Katapultstart wegen der auftretenden hohen Beschleunigungen (etwa siebzehn g2) nicht in Frage.

Die He 111 hatte sich längst vom Boden abgehoben. Fasziniert folgte ihr unser Blick, wie sie nun mit ihrer Last höher und höher stieg bis zu dem Augenblick‚ in dem sich die bemannte V1 selbständig machte, um wie ein kleiner, schneller Vogel dem Schutz der He 111 zu enteilen.

Der Pilot flog einige Kurven. Dann blieb er in kerzengeradem Kurs, verlor unaufhaltsam in ständig steiler werdendem Gleitflug an Höhe. Wir hatten atemlos zusehend längst erkannt, daß in dem Verhalten der Maschine keine Absicht des Piloten lag.

Die Maschine war unserm Blick entschwunden. Eine Rauchwolke in der Ferne und eine Detonation schienen das Ende zu sein. Es folgte eine lähmende halbe Stunde, bis wir erlöst die Nachricht erhielten, daß der Pilot nicht tot, sondern nur schwer verletzt war.

Man stellte fest, daß nicht ein Konstruktionsfehler die Ursache für den Absturz war. Der Pilot hatte versehentlich den Verschluß des Kabinendaches gelöst. Es flog davon, und, benommen von der Stärke des Luftzuges, verlor der Pilot die Gewalt über die V 1. Am anderen Tag startete ein zweiter Pilot. Auch er verunglückte, kam jedoch ebenfalls mit dem Leben davon.

Danach übernahmen Heinz Kensche und ich zunächst die weitere Erprobung.

Mein erster Flug glückte und die anderen acht oder zehn, die ich nachher machte, auch. Natürlich gab es dabei einige recht schwierige Situationen. So streifte zum Beispiel bei einem meiner Flüge der Bomber, der mich trug, nachdem mich der Pilot abgehängt hatte, den Rumpf meiner Maschine.

Es krachte dabei erheblich, als wenn der Schwanz der V1 abgesägt worden wäre. Nur mit großer Mühe konnte ich die V1 mit den vorhandenen Ruderausschlägen halten. Trotzdem gelang es, glatt zu landen. Wir stellten fest, daß der Schwanz angebrochen und fast um dreißig Grad nach rechts verdreht war. Es schien ein Wunder, daß er nicht abgebrochen und die Maschine abgestürzt war.

Bei einem anderen Versuch wollte ich in einem Bahnneigungsflug die Eigenschaften der V 1 bei den verschiedensten Geschwindigkeiten feststellen, wobei ich sie bis achthundertundfünzig Kilometer je Stunde ausflog. Während des Versuchs löste sich, von mir unbemerkt, ein im Rumpf verzurter Sandsack, den ich als zusätzliches Gewicht in den vorderen Sitz der doppelsitzigen V1 hatte einbauen lassen. Als ich nun die Maschine aus großer Fahrt abfangen wollte, blockierte er das Höhenruder in Richtung „Ziehen“. Ich hatte nicht mehr genug Höhe und auch nicht genug Zeit, um mit dem Fallschirm aussteigen zu können. Ich mußte jetzt alles riskieren, um noch eine kleinste Chance der Rettung zu gewinnen. Ich stellte deshalb die Maschine kurz vor Erreichen des Bodens auf den Kopf und riß sie mit dem geringen, mir noch verbleibenden Steuerausschlag in Richtung „Ziehen“ dicht über den Boden wieder heraus. Das Aufbäumen genügte tatsächlich, um die Maschine abzufangen. Sie setzte hart auf. Kufe und Rumpf splitterten. Ich blieb unverletzt. Ein anderes Mal sollte ich hohe Geschwindigkeiten bei voller Last erproben. Zu diesem Zweck hatten wir einen Tank mit Wasser eingebaut. Da aber die provisorische Landekufe für eine Landung mit solcher Last nicht berechnet war (die Einsatzmaschine brauchte ja nicht zu landen, sondern stürzte sich in das Ziel), mußte das Wasser vor der Landung aus dem Tank herausgelassen werden, weil sich sonst bei der geringen Federung der Pilot unweigerlich beim Landen das Rückgrat verletzen mußte. Ich begann die Versuche in etwa sechstausend Meter Höhe, was zur Folge hatte, daß die Tanköffnung zum Ablassen des Wassers vereiste. Als ich nun in fünfzehnhundert Meter Höhe im Horizontalflug den Tank öffnen wollte, ließ sich die Auslösung infolge der Vereisung nicht mehr bewegen. Da aber der Flug ohne Triebwerk im Gleitflug vor sich ging, und die Maschine sich mit hoher Sinkgeschwindigkeit rasch dem Boden näherte, wurde jede Sekunde entscheidend. Meine Hände rissen sich in verzweifelter Anstrengung an dem Auslösegriff, der sich nicht bewegen wollte, blutig. Die Erde kam immer näher. Endlich, wenige hundert Meter über dem Boden ließ sich die Öffnung lösen, und es gelang noch eben, den größten Teil des Wassers aus dem Tank zu lassen. Die Maschine war gerettet. Ich hatte Glück gehabt.

Die V 1 war fliegerisch leicht zu beherrschen und hätte flugeigenschaftsmäßig von Durchschnittspiloten einwandfrei geflogen werden können. Schwierig war lediglich die Landung, da die Landegeschwindigkeit sehr hoch war und meist ohne Triebwerk gelandet werden mußte.

Inzwischen begannen wir in der doppelsitzigen V 1 die Männer zu schulen, die später selbst wieder als Lehrer die übrigen SO-Männer ausbilden sollten. Wir ließen uns Rauchziele, die wir systematisch anflogen, in große Höhen schießen. Wir studierten alle maßstabgetreuen Modelle der Schlüsselstellungen des Gegners und bereiteten in dieser Form unter anderm den Einsatz ganz nüchtern fliegerisch und technisch vor.

Doch die Zeit rollte über alle diese Anstrengungen hinweg und veränderte das Bild immer eindeutiger zu ungunsten Deutschlands.

Inzwischen hatte die Invasion begonnen. Weder die Me 328 noch die bemannte VI konnten jemals eingesetzt werden. Jetzt wurde es zum erstenmal offensichtlich, daß der entscheidende Augenblick verpaßt worden war. Die Schwierigkeiten, die sich von Beginn an unserem Plan entgegengestellt hatten, waren größer gewesen als unser Wille. Und hier beginnt dann die Reihe der persönlichen und sachlichen Mißverständnisse, die auch innerhalb der Formation zu großen Schwierigkeiten geführt haben. Sie aufzuzeigen lohnt sich heute nicht mehr, denn sie müssen im Schmelztiegel der großen geschichtlichen Ereignisse, die sich seitdem begeben haben, klein und unbedeutend erscheinen. Eines jedoch muß festgestellt werden: Die Männer des Selbstopfer-Einsatzes lebten während der ganzen Zeit nur dem einen hohen Ziel, das sie sich gesetzt hatten. Dieses Ziel mußte notwendig alles ausschließen, was der Idee hätte Abbruch tun können. Dazu gehörte zum Beispiel Himmlers Vorschlag, für den Selbstopfer-Einsatz nur Lebensmüde, Kranke oder Verbrecher vorzusehen, die mit ihrem freiwilligen Tod ihre „Ehre“ wiedergewinnen sollten.

Dazu gehörte aber auch jegliche Herausstellung der Männer durch die Propaganda, wie es durch Goebbels geschah, der sie eines Tages zu sich rief, um ihnen eine vorzeitige Heldenehrung zu bereiten, die unterschiedslos bei jedem einzelnen nur peinlichste Betroffenheit auslöste. Solche Vorgänge zeigten nur die völlige Verkennung unseres Planes. Man verkannte die Haltung, aus der bei uns der Gedanke des Selbstopfer-Einsatzes geboren worden war.

Wir hatten jedoch wenig Möglichkeiten, uns dagegen zu wehren. denn die Verhältnisse waren stärker. Meine Kameraden lebten weiter eingeschlossen in dem engen Kreis ihrer militärischen Einordnung, während die Zeit verrann. Die militärische und politische Entwicklung machte unsere Einsatzbereitschaft gegenstandslos. Es war zu spät!

Meine Mutter

Ob es den Rahmen meines Buches sprengt, wenn ich hier der Mutter allein ein ganz kurzes Kapitel widme? Sie spielt in meiner Entwicklung und in meinem Fliegerleben eine so ausschlaggebende Rolle, daß alles bisher über sie Gesagte mir ungenügend erscheint.

Meinen Entschluß zum Selbstopfer-Einsatz habe ich mit ihr besprochen. Sie blieb sich auch hier treu, wie sie es von allem Anfang an gewesen war. Seit Jahren wußte sie ihr Kind in ständig steigender Lebensgefahr. Keine Klage darüber kam je über ihre Lippen. Wozu wäre dies auch gut gewesen? Ich wußte es ganz genau, sie gehörte nicht zu den Menschen, denen es gelingt, einen derartigen Zustand nach und nach gewohnheitsmäßig hinzunehmen. Das lag nicht in ihr.

Immer von neuem mußte sie sich durchringen. Aber sie tat dies mit so viel Kraft, mit so viel Glauben, daß ich mich in dieser unerschütterlichen Zuversicht geborgen fühlte. Es kam die Zeit, da unzählige um mich her den Tod fanden, nur dadurch, daß sie derselben Aufgabe dienten, die auch täglich die meine war. Mutter ließ sich nicht irremachen.

Ihr Glaube hielt die härtesten Proben aus. Dabei blieb ihr Urteil klar und unbestechlich. Wurde sie bei Entscheidungen um ihre Meinung befragt, entschied sie sich immer für den Weg, den das Gewissen ihr vorschrieb, auch wenn er der schwerste, gefahrvollste für mich war. Es fiel ihr das bitter hart. Aber sie konnte nicht anders.

In allen Dingen wußte ich sie neben mir. So intensiv lebte sie mein Leben mit, daß sie auch bei monatelanger Trennung im Augenblick für mich einspringen konnte, wenn es nottat. Das zeigte sich sogar in ungezählten Kleinigkeiten. Hatte ich zum Beispiel gelegentlich einmal öffentlich zu sprechen, aber infolge meiner Arbeitsüberlastung keine Zeit, mich vorzubereiten, rief ich einfach in den Fernsprecher: „Mutter, bitte denk dir aus‚ was ich heut’ abend reden soll“, und nannte ihr die paar Gesichtspunkte, die ich für mich vorgesehen hatte. Noch ehe die Stunde des Vortrags da war, kam der erwartete Anruf. Rasch teilte mir die Mutter mit, was sie zusammengestellt hatte. Immer waren es höchst eigengeprägte und ungewöhnliche Gedanken. Verwertet habe ich sie zwar merkwürdigerweise nie. Denn wenn ich in so viel fragende Augen schaute, fiel mir das Sprechen nie schwer. Diese mütterliche Hilfe gab mir aber völlige Ruhe. Ich stand ja nun unter keiner Bedingung mit leeren Händen da, und aus dieser Ruhe heraus konnte ich dann ohne weiteres meine eigenen Gedanken vorbringen. Zahllose ähnliche Dinge könnte ich noch berichten. Aber ich will mich kurz fassen.

Nur eines noch möchte ich schließlich sagen: Unter den hohen geistigen und menschlichen Fähigkeiten meiner Mutter, die unser gegenseitiges Verhältnis so ungewöhnlich gestalteten, war ihre allergrößte Begabung die Liebesfähigkeit. Alles, alles konnte man von ihr fordern.

Wo wirkliches Helfen in Betracht kam, gab es für sie keine Schwierigkeiten. Dieses Empfinden war so stark in ihr, daß es einen erwärmte und beglückte, auch wenn man nur in der Ferne daran dachte. Ja, solange die Mutter da war, konnte einem nichts Arges geschehen.

Das letzte halbe Jahr

Im Oktober 1944 wurde ich bei einem Luftangriff auf Berlin auf dem Wege zum Bunker verletzt. Man brachte mich in das Luftwaffen-Lazarett des Flakbunkers am Zoo. Dort stellte man Gehirnerschütterung und einen Riß der linken Armgelenkkapsel fest. Erneut würde ich für Wochen am Fliegen verhindert sein.

Als ich erst wenige Tage im Lazarett lag, erhielt ich die Nachricht, daß Heinz Kensche, der für mich bei der Weitererprobung der V 1 eingesprungen war, bei einem Versuchsflug mit dem Fallschirm hatte abspringen müssen. Es ließ mir keine Ruhe, daß ich nichts Näheres über sein Ergehen und die Ursache des Absturzes in Erfahrung bringen konnte. Ich benutzte deshalb die Gelegenheit, während mich Arzt und Schwestern auf einem Genesungsspaziergang durch den Tiergarten vermuteten, und fuhr nach Adlershof, wo meine „Bücker 181“ stand, um schnell zu meinem Kameraden nach Lärz zu fliegen.

Als der Arzt von diesem heimlichen Flug erfuhr, erhielt ich Verbot, das Lazarett zu verlassen. In der Abgeschlossenheit von der Außenwelt bedrängte mich immer wieder neu das Bild des durch Bomben zerstörten Berlin, wie ich es auf meinem Flug gesehen hatte, und immer stärker verdichtete sich in mir die Ahnung, daß diese Stadt noch nicht am Ende ihrer Prüfungen stände und noch Schlimmeres erleben würde.

Es konnten dann Situationen eintreten, in denen es unmöglich sein würde, auf normale Weise in Berlin zu landen. Wie aber sollte sich ein Flieger zurechtfinden, wenn die Stadt noch mehr zerstört in Qualm und Feuer verhüllt lag? Dann aber konnte es gerade notwendig werden, Berlin anzufliegen, um Verwundete zu transportieren, oder um Sonderaufträge auszuführen.

Ich besprach diese Frage mit Oberst Rudel, der zur selben Zeit mit einer Beinamputation im Bunker lag. Dabei dachte ich vor allem an die Verwendung eines Hubschraubers, der zum Starten und Landen nur eine kleine Fläche braucht, wobei ein flaches Dach genügt. Vielleicht kam dafür sogar der Turm des Zoobunkers in Frage.

Rudel und ich sahen uns daraufhin den Turm an. Auch unter den ungünstigsten Bedingungen, in der Verwirrung eines Kampfgeschehens zum Beispiel, mußte der Flakturm auch dann noch anzufliegen sein, wenn durch Qualm und Rauch keine ausreichende Sicht gegeben wäre.

Man müßte dann die fehlende Hilfe einer Funkpeilung zu ersetzen versuchen. Zu diesem Zweck trainierte ich, sobald mich der Arzt wieder frei ließ, und flog systematisch bei jeglichem Wetter in ganz niedriger Höhe von weit sichtbaren Anhaltspunkten von der Peripherie der Stadt aus den Flakturm an. Gastürme und Kirchtürme, der Funkturm, der Turm des Ullsteinhauses waren die stets gleichen Anhaltspunkte. Von jedem einzelnen aus bestimmte ich den Kompaßkurs in Richtung Zoobunker und prägte ihn mir ein. Bald war mir jeder Winkel und jedes Trümmerdach auf diesem Weg bekannt, und ich wußte, daß ich auch unter den ungünstigsten Gegebenheiten bei Tag oder Nacht, bei Nebel oder Feuer absolut sicher den Weg zum Flakbunker finden würde. Davon erfuhr Generaloberst von Greim. Als ich im Januar 1945 aus dem Lazarett entlassen wurde, war der Krieg bereits in seine Endphase eingetreten. Das vergebliche Ringen der letzten Monate rollte unaufhaltsam ab wie eine Lawine, die alles verschüttet. Alliierte Truppen hatten im Westen wie im Osten längst deutschen Boden besetzt. Mit Erbitterung wurde auch der Kampf um Schlesien geführt. Breslau war zur Festung erklärt worden und versuchte, dem Ansturm der russischen Armeen standzuhalten. Niemand konnte daran zweifeln, daß es vergeblich sein würde. Um so größer war die Anteilnahme an dem Schicksal der eingeschlossenen Bevölkerung und die Sorge um sie.

Schlesien war meine Heimat. In meinen glücklichen Tagen hatte ich von der schlesischen Bevölkerung ungezählte Beweise der Zuneigung und Liebe erhalten. Ich zögerte deshalb nicht, als mich ein Funkspruch aus Breslau dorthin rief. Mitte Februar flog ich zum erstenmal in die Stadt ein, die zu diesem Zeitpunkt von einer Seite eine zwar ständig von feindlichen Luftstreitkräften bedrohte, aber noch offene Einflugschneise hatte. Ich blieb dort einen Tag und eine Nacht, um mit dringenden Nachrichten versehen, nach Berlin zurückzufliegen. Ende Februar flog ich – nun in Begleitung von Staatssekretär Naumann – zum zweitenmal nach Breslau, das inzwischen völlig eingeschlossen war. Wir machten Zwischenlandung in Schweidnitz, das damals noch in deutscher Hand war, um uns mit den neuesten Lageberichten zu versehen.

In letzter Minute vor dem Start hatte mich noch ein telephonischer Befehl Hitlers erreicht, der mir unter allen Umständen den Einflug nach Breslau verbot. Hier aber mußte ich nur meinem Herzen folgen. Ich war ja immer noch zivile Angestellte der Forschungsanstalt in Darmstadt und deshalb keinem militärischen Befehl direkt unterstellt, auch wenn er von höchster Stelle kam. Ich flog, „sprang“ in niedrigster Höhe, wenige Meter über dem Boden, über Hecken und Bäume, um den Fieseler-Storch der Sicht der russischen Panzer zu entziehen. Heil kamen wir nach Breslau und landeten in der eingeschlossenen Stadt. Und wieder, wie in Rußland, erlebte ich den Krieg in seiner grausamsten Nacktheit. Während mein Begleiter seinen Auftrag erfüllte, sah ich alle Männer, blasse, angstvolle Frauengesichter, in denen der Mund stumm geworden war vor dem Entsetzlichen, das nach ihnen griff. Auch der Rückflug aus dem eingeschlossenen Breslau gelang. Noch ein drittes Mal wurde ich im April nach Breslau gerufen. Ich flog nach Hirschberg, das vom größten Teil der Zivilbevölkerung geräumt, von den Russen aber noch nicht besetzt war. Von dort wollte ich nach Breslau weiterfliegen, aber als ich in meiner Vaterstadt eingetroffen war, erfuhr ich, daß sich mein Auftrag nach Breslau bereits erledigt hatte. Am 19. April erreichte mich dort ein Funkspruch, der mich nach München rief. Schweren Herzens nahm ich von Oberbürgermeister Blasius, dem alten Freund meiner Eltern, Abschied, wohl wissend, daß ich diesen vorbildlichen deutschen Mann und die geliebte Stadt nicht wiedersehen würde.

In München erhielt ich den Auftrag, in dem Raum von Kitzbühel Notlandeplätze für Verwundetentransporte ausfindig zu machen. Einen ganzen Tag durfte ich noch bei meiner Familie in Salzburg verleben. Dorthin waren meine Eltern, meine Schwester Heidi mit ihren drei Kindern und unsere treue Hausgehilfin Anni, evakuiert worden.

Unser Wiedersehen schenkte uns noch – wenn auch unter dem lähmenden Anwachsen der deutschen Tragödie – das ganze Glück des Zusammenseins.

Ich begab mich nun nach Kitzbühel. Dort erreichte mich am 25. April eine Nachricht des Generalobersten von Greim, der mich bat, sofort zur Durchführung eines Sonderauftrages nach München zu kommen. Unterwegs erfuhr ich, daß Greim durch Funkspruch umgehend in die Reichskanzlei zu Adolf Hitler befohlen worden war. Da er wußte, daß Berlin von den Russen bereits völlig eingeschlossen war und sich russische Truppen schon in der Stadt befanden, glaubte er die Reichskanzlei am ehesten mit einem Hubschrauber erreichen zu können. Er erinnerte sich dabei meiner systematischen Trainingsflüge über dem zerstörten Berlin und wußte, daß ich mich in jedem Falle über der Stadt auskennen würde. Nach der ganzen Lage mußte er jedoch damit rechnen, daß wir von diesem Flug nicht zurückkehren würden. Deshalb trug er sein Anliegen zuerst meinen Eltern vor. Sie zögerten keinen Augenblick, ihre Zustimmung zu geben.

Es war Mitternacht, als ich in Salzburg eintraf, um von meiner Familie Abschied für immer zu nehmen. Dort erwartete meine Familie mich schon in der Toreinfahrt von Schloß Loopoldskron. Wortlos schlossen sie mich in ihre Arme. Ich ging in den Kellerschutzraum zu den schlafenden Kindern, hob noch einmal ein jedes auf und drückte es ans Herz – dann sah ich zum letztenmal in die geliebten Augen von Vater und Mutter, die gerade und aufrecht standen, als ich in den Wagen stieg.

Die Ju 188, welche Generaloberst von Greim und mich nach Rechlin bringen sollte, startete gegen 2.30 Uhr morgens vom Flugplatz Neu-Biberg bei München. Sie flog mit eigenem Piloten. Schweigend stand ich im engen Rumpf der Maschine und sah in die sternklare Nacht, die wider Erwarten frei von feindlichen Maschinen war, welche schon seit Wochen den deutschen Luftraum beherrschten. Für mich waren nun die Würfel gefallen.

Am 26. April gegen vier Uhr morgens trafen wir in Rechlin ein.

Dort befand sich der Führungsstab Nord der Luftwaffe. Die Nachrichten, die wir erhielten, waren sehr schlecht. Seit zwei Tagen war es infolge starker russischer Abwehr keiner deutschen Maschine mehr gelungen, nach Berlin einzufliegen. Von den Berliner Flughäfen befand sich nur noch Gatow in deutscher Hand, das jedoch auch bereits von den Russen umschlossen war und unter ihrem Artilleriebeschuß lag.

Es war unbekannt, ob das Flugfeld noch genügend trichterfreies Gelände aufwies, um landen zu können. Der Hubschrauber, mit dem wir bei Nacht vor der Reichskanzlei niedergehen wollten, war inzwischen auf dem Flugplatz Rechlin bei einem Bombenangriff zerstört worden.

Man entschied sich deshalb für die FW 190, einen einsitzigen Jäger, dessen Gepäckraum zu einem zweiten Sitz ausgebaut worden war. Es war die schnellste Maschine, die Rechlin im Augenblick besaß, und es war die gleiche, mit der Speer zwei Tage vorher nach Berlin hinein und wieder herausgeflogen war. Der Pilot der Maschine, Feldwebel B., der bisher die meisten Einsätze über Berlin geflogen hatte, besaß ausgezeichnete Erfahrung und Kenntnis von der Taktik der Russen, ihren Abwehr- und Flakstellungen.

Es schien deshalb zweckmäßig, daß er auch den Flug nach Gatow durchführte. Dann jedoch sollte er mit der Maschine sofort wieder nach Rechlin zurückfliegen, da man zu jeder Stunde auch mit der Einnahme von Gatow durch die Russen rechnen mußte.

Dieser Umstand machte meinen Gedanken zu schaffen. Was würde von Gatow aus werden? Denn der Einflug in das Stadtinnere würde ja erst den schwierigsten Teil dieses Fluges bedeuten. Allerdings war er mir bereits durch meine Trainingsflüge bis in alle Einzelheiten bekannt.

Mein Entschluß stand fest. Ich verließ den Besprechungsraum und begab mich zum Flugplatz. Den Piloten, der die Vorbereitungen traf, fragte ich, ob ich das Gelingen des Fluges gefährden würde, wenn ich mitflöge. Er lachte. „Ihr Gewicht spielt keine Rolle. Aber der Platz reicht nicht aus.“ Nun, das stand noch nicht fest. Vielleicht war es möglich, daß ich im hinteren Teil des Rumpfes Platz fand, obwohl darin bereits Geräte, wie Akkumulatoren und Sauerstoffflaschen, verstaut waren, die sonst im Gepäckraum untergebracht wurden.

Mit Hilfe von Kameraden ließ ich mich durch eine Luke in den hinteren Teil des Rumpfes buchstäblich „einfädeln“, mit den Beinen voraus. Zusammengekrümmt lag ich nun in völliger Dunkelheit auf den scharfen Metallspanten, die den Rumpf bilden. Es blieb kein Platz, um meine Lage auch nur etwas ändern zu können. Ich wußte, daß ich ohne Hilfe nie mehr herauskommen würde.

Kaleidoskopartig jagten jetzt die schrecklichsten Bilder an meinem geistigen Auge vorbei. Eine fürchterliche Angst, wie ich sie noch nie erlebt hatte, überfiel mich plötzlich. Aber ich mußte sie überwinden.

Ich durfte jetzt nicht kapitulieren. Inzwischen war es über dem Flugplatz lebendig geworden. Dreißig bis vierzig Jäger, die unsere Maschine als Jagdschutz begleiten sollten, erfüllten die Luft mit ihrem Getöse. Schon allein der Gedanke, daß sie da waren, gab mir Kraft. Ich konnte mich nicht entsinnen, in den letzten Monaten je so viele deutsche Maschinen zusammen am Himmel gesehen zu haben.

Kurz darauf traf Generaloberst v. Greim ein und nahm in der Maschine Platz. Erst als wir startklar waren, rief ich ihn von meinem Versteck aus an. Einen Augenblick war es still. Dann hörte ich ihn laut und suchend rufen: „Kapitän, wo sind Sie?“ Ich gab noch einmal Antwort, dann rollten wir über den unebenen Platz, was ich auf den scharfen Metallspanten schmerzhaft spürte.

Wenn alles gut ging, mußten wir Gatow in etwa 30 Minuten erreicht haben. Doch wer durfte damit rechnen, daß alles gut ging? Der Luftraum von Berlin wurde von feindlichen Jägern ständig kontrolliert. Sie würden sich wie Habichte auf uns stürzen.

Überraschend ging jedoch der Flug bis kurz vor Berlin völlig glatt. Trotzdem hatte ich das Gefühl, daß sich die Minuten, die ich auf dem Leuchtzifferblatt meiner Uhr ablas, zu Ewigkeiten ausdehnten. Nie hatte ich einen Flug in einer solchen marternden Spannung gemacht, so völlig allem und jedem ausgeliefert, was an dunklem, unbekanntem Schicksal auf uns zukommen wollte.

Plötzlich – wir mußten eben das Gebiet von Berlin erreicht haben – stellte der Pilot die Maschine fast senkrecht auf den Kopf und stürzte brausend nach unten. Noch größer als die physische Anstrengung – ich lag ja mit dem Kopf nach unten – war für mich in diesem Augenblick die innere Erregung; denn ich mußte annehmen, daß die Maschine angeschossen worden war; nun erwartete ich, daß sie auf den Boden aufschlagen und in Brand geraten würde. Ich wußte nicht, daß sich der Pilot durch diesen Sturz angreifenden russischen Jägern entzogen hatte. Ich merkte nur, wie er nach einer Weile die Maschine abfing. Kurz danach setzte sie auf den Boden auf. Wir befanden uns auf dem Flugplatz Gatow.

Sofort suchten wir den Luftschutzbunker der Flugleitung auf. Greim nahm telefonisch mit der Reichskanzlei Verbindung auf, was unter großen Schwierigkeiten und immerwährenden Unterbrechungen endlich gelang. Auf sein Befragen teilte ihm Oberst V. Below mit, daß Hitler ihn unter allen Umständen zu sprechen wünsche, ohne ihm jedoch Gründe dafür anzugeben. Zugleich wurde ihm mitgeteilt, daß alle Zufahrtsstraßen in die Stadt hinein bereits in den Händen der Russen waren, ebenso in der Stadt selbst der Anhalter Bahnhof, das Knie, Teile der Bülow- und Potsdamer Straße.

Unter diesen Umständen schien es fast aussichtslos, die Reichskanzlei noch erreichen zu können. Greim fühlte sich aber verpflichtet, wenn nur irgend möglich, dem Befehl zu folgen. Unsere Überlegungen führten zu dem Entschluß, zu versuchen, mit dem Fieseler-Storch nach Berlin hineinzufliegen und am Brandenburger Tor zu landen.

Der erste „Storch“, den wir benutzen wollten, fiel aber kurz vor dem Start durch einen Artillerietreffer aus. Erst gegen sechs Uhr abends war der zweite, noch einzig verbliebene „Storch“ startklar. Da ich keine Fronterfahrung in Feindflügen hatte, wollte Greim die Maschine selbst steuern. Hinter seinem Sitz stehend machte ich, noch bevor wir starteten, den Versuch, ob für mich Gashebel und Steuerknüppcl über seine linke Schulter hinweg erreichbar wären, um sie im Notfall bedienen zu können.

Die Maschine hob leicht vom Boden ab. Wir flogen in niedrigster Höhe. Unter uns lag der Wannsee silbern in der niedergehenden Sonne, friedliches Bild der Natur! Nur flüchtig nahm ich es auf; denn die Gefahr hielt mich wie ein Tier hellwach.

Jetzt hatten wir den Grunewald erreicht. Wir hielten uns dicht übel den Baumwipfeln, um den feindlichen Jägern zu entgehen, die überall am Himmel auftauchten. Aber dann brach es hervor, vom Grund und aus den Schatten und aus den Kronen der Bäume, ein höllisches Feuer, das nur uns zu gelten schien.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Unter uns wimmelte es von russischen Panzern und Soldaten. Deutlich sah ich die Gesichter der Russen, die mit allem, was sie hatten, mit ihren Gewehren, mit Maschinenpistolen und mit Panzerwaffen auf uns schossen. Rechts, links, über und unter uns saßen kleine verderbenbringende Explosionswolken, bis es auf einmal furchtbar krachte. Ich sah eine gelblich weiße Flamme neben dem Motor aufleuchten und hörte gleichzeitig Greim rufen, daß er getroffen sei. Ein Panzersprenggeschoß hatte seinen rechten Fuß durchschlagen. In fast mechanischer Reaktion ergriff ich über seine Schulter hinweg Gashebel und Steuerknüppel und versuchte die Maschine in Abwehrbewegungen zu halten. Der Verwundete hatte inzwischen das Bewußtsein verloren und war in sich zusammengesackt.

Immer noch war die Luft erfüllt von unzähligen Detonationen, so mächtig, daß der eigene Motor kaum zu hören war. Einschläge trafen die Maschine. Mit Schrecken sah ich, daß aus beiden Flächentanks Benzin rann. Jede Sekunde mußte die Explosion erfolgen, und ich konnte nicht begreifen, daß es nicht dazu kam. Der „Storch“ blieb weiter manövrierfähig, und ich blieb unverletzt. Dabei quälten sich meine Gedanken um den Verwundeten, der ab und zu für kurze Augenblicke aus der Ohnmacht erwachte und dann versuchte, mit ungeheurer Energie das Steuer wieder selbst zu übernehmen. Aber immer wieder entglitt es seiner Hand.

Wir näherten uns jetzt dem Funkturm. Qualm, Rauch, Staub und ein intensiver Geruch von Schwefel wurden noch dichter und beißender, aber das Schießen ließ langsam nach. Offensichtlich flogen wir jetzt über deutsch besetzte Stadtteile. Ich flog den Funkturm an, doch hatte ich von hier aus kaum Sicht. Jetzt kamen mir meine Trainingsflüge über Berlin zu Hilfe. Ich brauchte nicht umherzusuchen, was in dieser Situation hätte gefährlich werden können, es genügte, daß ich den Kompaßkurs zum Flakbunker wußte. Links davon lag die Ost-West-Achse mit der Siegessäule. Dicht vor dem Brandenburger Tor setzte ich die Maschine auf; im Tank war kaum noch Benzin.

Die Gegend war wie ausgestorben. Ausgerissene Bäume, abgeschlagene Äste und Betonbrocken lagen herum. Das Grauen, das von ihnen aus ging, war furchtbar. Hier schien es nichts Lebendes mehr zu geben.

Mit großer Mühe half ich dem zum Bewußtsein gekommenen Generaloberst aus der Maschine, die von oben erkannt und beschossen werden konnte. Er setzte sich an den Straßenrand, Nun mußten wir warten, warten, ob vielleicht ein Fahrzeug die Straße kreuzen würde. Ob es dann ein deutsches oder ein feindliches sein würde, war gänzlich ungewiß.

Tödlich langsam schlich die Zeit. In der Nähe krachten kurze harte Einschläge. Sonst nichts als die unheimliche Öde. Aber dann – ich weiß nicht wie lange wir gewartet hatten – kam endlich ein deutscher Kraftwagen, den wir anhielten und der uns aufnahm.

Wir fuhren durch das Brandenburger Tor, unter den Linden entlang, durch die Wilhelmstraße und bogen in die Voßstraße ein. Was ich auf diesem Weg sah, schien mir eine unwirkliche Kulisse, wenn ich an die stolze Straßenfront vergangener Tage dachte. Nichts war von ihr übrig geblieben als Schutt, Asche und beißender Brandgeruch.

Vor dem Eingang des Luftschutzbunkers der Reichskanzlei hielten wir an. SS-Wachen brachten den Generaloberst in den Operationsbunker, in dem Dr. Stumpfecker sofort seine ärztliche Behandlung übernahm. Danach wurden wir – der Generaloberst auf einer Bahre liegend – zwei Stockwerke tiefer in den Führerbunker gebracht. Auf der Treppe kam uns Frau Goebbels entgegen, die ich zum erstenmal sah; ich erkannte sie von Bildern her. Einen kurzen Augenblick starrte sie mit weit aufgerissenen Augen unseren kleinen Zug an, als ob sie nicht begreifen könne, daß hier überhaupt noch Menschen hereinfanden. Dann schloß sie mich weinend in die Arme.

Im Führerbunker trafen wir in dem kleinen dielenartigen Gang Adolf Hitler. Seine Gestalt war jetzt stark vornübergebeugt, beide Arme zitterten ununterbrochen, und sein Blick hatte etwas gläsern Fernes. Mit fast tonloser Stimme begrüßte er uns.

Greim erstattete Bericht. Ruhig und gespannt hörte Hitler zu. Am Ende des Berichtes ergriff er Greims Hände, und sagte dann, zu mir gewandt: „Sie tapfere Frau! Es gibt noch Treue und Mut auf der Welt.“

Dann erfuhren wir durch ihn, warum er Greim hatte rufen lassen. Er glaubte sich von Göring verraten. Hitler zeigte Greim den bekannt gewordenen Funkspruch, in dem Göring um die Bestätigung der Nachfolge ersucht hatte. „Es bleibt mir nichts auf der Welt erspart, keine Enttäuschung, kein Treuebruch, keine Ehrlosigkeit und kein Verrat.

Ich habe Göring sofort verhaften lassen, ihn aller seiner Ämter enthoben und ihn aus allen Organisationen ausgestoßen.“

Dann ernannte er Greim zum Nachfolger Görings mit gleichzeitiger Beförderung zum Generalfeldmarschall.

Im Raum war es still. Ich blickte auf das Gesicht des neuen Feldmarschalls, der unbeweglich und mit zusammengepreßten Lippen zuhörte. Es war nicht schwer zu erraten, welche Gedanken und Empfindungen diese Ernennung in ihm auslösten. Oberbefehlshaber einer Luftwaffe, die nicht mehr existierte! In dieser Lage konnte der Auftrag für ihn, dessen Ehrbegriff als Offizier auch im Chaos unwandelbar blieb und über jede Rücksichtnahme auf die eigene Person hinausging, nur eine Bedeutung haben hier im Bunker auch das Ende zu erleben! So war es auch für mich selbstverständlich, zu bleiben.

Der Kreis, in dem wir uns befanden, war klein. Außer Dr, Goebbels und seiner Frau, die aus freiem Willen darauf verzichtet hatte, mit ihren Kindern Berlin zu verlassen, lernte ich auch Eva Braun kennen.

Weiter begegnete ich hier im Bunker Martin Bormann, Staatssekretär Naumann, Botschafter Hevel, Admiral Voß, Oberst von Below, General Krebs, General Burgdorf, Hitlers Piloten Baur und Betz, den Sekretärinnen Frau Christian, Frau Jung und Fräulein Krüger, Dr. Lorenz, SS-Gruppenführer Rattenhuber, SS-Gruppenführer Fegelein, der vor kurzem die Schwester von Eva Braun geheiratet hatte. Die Genannten waren, mit Ausnahme von Goebbels, in Bunkerräumen untergebracht, die ein Stockwerk höher lagen.

Im untersten Teil des Bunkers wohnten Hitler, Eva Braun, Dr. Goebbels und Dr. Stumpfecker.

Wenn mich der Krankendienst bei Feldmarschall v. Greim nicht in Anspruch nahm, widmete ich mich den Kindern von Goebbels. Kurz nach der Begrüßung mit Hitler hatte mich Frau Goebbels in ihr Zimmer, das einen Stock höher lag, geholt, wo ich mich von Staub und Schmutz reinigen konnte.

Als ich den Raum betrat, schaute ich in sechs schöne Kindergesichter im Alter von vier bis zwölf Jahren, die mir aus ihren übereinandergebauten Luftschutzbetten mit lebhafter Neugier entgegensahen. Daß ich fliegen konnte, schloß sofort das Tor ihrer Kinderphantasie weit auf, und während ich mich – noch aufgewühlt von den letzten Stunden – wusch, plapperten und fragten ihre Münder in einem fort und zwangen mich so, ob ich wollte oder nicht, in ihre bunte Welt. Von da an mußte ich zu jeder Mahlzeit zu ihnen kommen, ihnen von fremden Ländern und Menschen, die ich gesehen hatte und von meinen Flügen berichten oder Märchen erzählen, die sie hören wollten. Jedes einzelne Kind entzückte in seiner natürlichen, klugen und aufgeschlossenen Art.

Die geschwisterliche Liebe der Kleinen untereinander hatte etwas Ergreifendes. Als eines der Kinder einer Angina wegen im Nebenraum isoliert lag, mußte ich von Zeit zu Zeit meine Erzählungen unterbrechen, damit abwechselnd eines der Geschwister dem kranken Schwesterchen den Fortgang des Märchens berichten konnte. Ich lehrte sie mehrstimmige Lieder singen und auch echte Tiroler Jodler, die sie rasch lernten. Das Donnern und Krachen der Einschläge beunruhigte sie nicht; denn sie glaubten kindlich, wie man es ihnen vorgesagt hatte, daß der „Onkel Führer“ damit die Feinde besiege, und wenn einmal das Jüngste ängstlich wurde, ließ es sich von den älteren Geschwistern mit dieser Vorstellung schnell trösten.

Dieses friedliche Bild, das sich auch dann nicht änderte, als sich die Spannung mit jeder Stunde verdichtete und ins schier Unerträgliche stieg, wurde mir in diesen Tagen, in denen ich im Bunker war, fast zu der größten inneren Belastung. Sie schien mir in manchen Augenblicken kaum mehr tragbar. „Morgen früh, wenn Gott Will, wirst du wieder geweckt“ sang ich mit den Kindern abends vor dem Einschlafen. Würden sie noch einmal geweckt werden?

Die Haltung der übrigen Bunkerinsassen war beherrscht und gefaßt, doch kamen wir nur bei zufälligen Begegnungen zusammen.

Schon in der ersten Nacht (26./27. April), die ich im Bunker verbrachte, hatten sich die Russen endgültig auf die Reichskanzlei eingeschossen. Über uns trommelte unaufhaltsam Artilleriefeuer mit zunehmender Gewalt. Unter dem Donnern und Krachen der Einschläge regnete selbst in diesen untersten Räumen der Mörtel von den Wänden. An Schlaf war nicht zu denken. Jeder blieb in Alarmbereitschaft.

Ich zweifelte nicht, daß das Ende immer näher kam; alle anderen fühlten es auch. Dieses Erkennen lag lähmend auf allen Eingeschlossenen und erzeugte eine künstlich hervorgerufene Hoffnung, der der Verstand widersprach. Der engste Kreis um Hitler lebte gänzlich abgeschlossen von den Geschehnissen, die sich draußen in dem verzweifelten Kampf um Restberlin und um Restdeutschland abspielten, und trotzdem brach aus allen immer wieder ein Hoffen auf Rettung hervor. Es wurde genährt von Gerüchten und Nachrichten, die den Bunker von Zeit zu Zeit erreichten, und führte zu Vorstellungen, die angesichts der Lage zu einem Zerrbild der Wirklichkeit

wurden. Dazu gehörte auch die Hoffnung auf einen Entsatz Berlins.

Dieser Eindruck war besonders stark für den, der – wie wir – von draußen kam. Obwohl wir hier alle auf engstem Raum zusammen waren und vielleicht in Stunden schon das gleiche Schicksal teilen würden, so war es, als ob mich und Greim dadurch eine Wand von den übrigen Insassen im Bunker trennte. Dieser innere Abstand wurde um so größer, je mehr sich die Lage zuspitzte.

In den zwei folgenden Tagen (27.,28. April) geschah aber noch nichts, was die Lage grundsätzlich geändert hätte. In quälendem Warten verrannen die Stunden, ab und zu aufgepeitscht durch eine neue Hoffnung, welche die Illusion gebar, oder durch eine Schreckensnachricht, die plötzlich wie ein Lauffeuer durch den Bunker ging. Fegelein, der langjährige Verbindungsmann zwischen Hitler und Himmler, Schwager von Eva Braun, sollte wegen eines Fluchtversuchs auf Befehl von Hitler erschossen worden sein. In solchen Augenblicken erschien es mir, als verlöre ich jeden Boden unter den Füßen.

Die Wucht des Angriffes auf die Reichskanzlei steigerte sich von Stunde zu Stunde. Es war kein Zweifel: der Russe war in ständigem Vordringen. Wir hatten keine Hoffnung mehr, jemals wieder das Tageslicht zu sehen. Wie ein Wunder wirkte die Nachricht‚ daß eine Ju 52 auf der Achse gelandet war, um Greim und mich aus Berlin herauszuholen. Auch Rudel rief aus Rechlin über die letzte noch verfügbare Leitung aus demselben Grunde an. Greim lehnte ab.

Am zweiten Tag unseres Aufenthaltes im Bunker hatte mich Hitler in sein Arbeitszimmer rufen lassen. Als er vor mir stand, noch einen Schein blasser, noch stärker in sich zusammengesunken mit einem fahlen, greisenhaft verfallenen Gesicht, gab er mir zwei kleine Phiolen mit Gift, damit – wie er sagte – Greim und ich jederzeit die Freiheit der Entscheidung haben sollten. Danach sprach er aus, daß er freiwillig mit Eva Braun aus dem Leben scheiden würde, wenn sich die Hoffnung auf einen Entsatz von Berlin durch General Wenck nicht erfüllen sollte. Auch wenn sich seine Hoffnung auf die Armee Wenk erfüllt hätte, würden – meinem Eindruck nach – Hitlers Kräfte aber nicht zu einem Weiterleben ausgereicht haben. Jede Chance einer Rettung für seine Person, die sich ihm in diesen Tagen noch bot, wie die Landung der Ju 52 und der Arado 96 auf der Ost-West-Achse, wies er als indiskutabel ab. Allein sein Glaube, daß sein Verbleib in Berlin den Soldaten ein letzter Ansporn sei, hielt ihn noch am Leben. Dann kam die Nacht vom 28./29. April. Ein Feuerüberfall löste den anderen ab, ein Orkan prasselte auf die Reichskanzlei hernieder. Nach einem Gerücht hatte der Russe bereits den Anfang der Wilhelmstraße erreicht und war auch schon bis zum Potsdamer Platz vorgedrungen.

Es war kurz nach Mitternacht, als Hitler unerwartet ins Krankenzimmer des Feldmarschalls eintrat, kalkweiß im Gesicht; wie mir schien, das Bild eines schon ausgelöschten Lebens. In der Hand hielt er einen Funkspruch und eine Karte. Er wandte sich an Greim: „Nun hat auch Himmler mich verraten. Sie beide müssen so schnell wie möglich den Bunker verlassen. Ich habe Nachricht bekommen, daß der Russe im Laufe des Vormittags die Reichskanzlei erstürmen will.“

Er entfaltete die Karte.

„Wenn es gelingt“, fuhr er fort, „durch einen Bombenangriff die Bereitstellungen auf den Zufahrtsstraßen zur Reichskanzlei zu vernichten, so können wir mindestens vierundzwanzig Stunden Zeit gewinnen und dadurch General Wenck ermöglichen, noch rechtzeitig bis hierher vorzudringen. Bei Potsdam hört man schon deutsches Artilleriefeuer.“

Dann erklärte er weiter, daß eine Arado 96, der es noch gelungen war, auf der Achse zu landen, uns zur Verfügung stehe.

Ich hatte von militärischen Dingen kaum Ahnung. Doch war mir unfaßlich, wie man zu diesem Zeitpunkt noch ernsthaft mit der Vorstellung einer Befreiung rechnen konnte. Ich dachte an die Bilder, die wir in den letzten Wochen überall in Deutschland gesehen hatten, an die Straßen und Wege, angefüllt und verstopft mit flüchtender Bevölkerung und rückflutenden Truppen, an die Nächte im Bombenhagel, an den pausenlosen Beschuß, unter dem die Reichskanzlei seit Tagen lag – hier konnte nach meiner Ansicht auch keine Armee Wenck mehr helfen.

Doch die Welt der Illusion war immer noch nicht zu zerstören. Weinend beschwor uns Frau Goebbels, nichts unversucht zu lassen, was eine Rettung herbeiführen könnte. Die moralische Verantwortung lag damit auf Greim. Wir machten uns bereit.

Von Hitler, der im Lagebesprechungszimmer war, verabschiedete ich mich kurz mit einem Händedruck. Ich fand in dieser Situation kein Wort, das ich ihm hätte sagen können, während er mit leiser Stimme nur noch sagte: „Gott schütze Sie!“ Frau Goebbels, die ich in diesen Tagen nur beispielhaft gefaßt erlebt hatte, gab mir einen Brief an ihren Sohn aus erster Ehe mit. Die Kinder schliefen. Wie gerne hätte ich sie noch einmal gesehen. Wortlos war der Abschied von den anderen.

Oberst von Below geleitete mich und Ritter von Greim, der sich mühsam auf Krücken stützte, nach oben. Je höher wir kamen, um so beißender wurde der Geruch von Brand und Schwefel, um so undurchsichtiger der Kalkstaub, der die Luft durchsetzte. Gerade war eine Feuerpause eingetreten. Als wir auf die Voßstraße traten, war der Himmel ein einziges gelbrotes Flammenmeer. Ein Panzerwagen nahm uns auf.

Nun begann eine gespenstige Fahrt über die Trümmer der Voßstraße hinweg, die bereits keine Straße mehr war. Das Pfeifen der Granaten und das Krachen der Einschläge erfüllte die Luft, ließ die Erde erbeben, während Feuer und Rauch zum Himmel quollen. Aber schrecklicher als das alles war die Ungewißheit, ob man nicht schon in den Bezirken war, in denen die Russen Fuß gefaßt hatten.

Die Ecke Voßstraße/Hermann-Göring-Straße hatten wir glücklich passiert. Erlöst atmeten wir auf. Nun hatten wir auch den Tiergarten erreicht, und jetzt die Flugleitung an der Siegessäule, die noch in deutscher Hand war. Die Achse selbst lag unter ständigem Beschuß.

Die „Arado“ stand in einer Splitterbox. Sie unter diesen Umständen hier gelandet zu haben, bedeutete eine hervorragende fliegerische Leistung. Es war derselbe Pilot gewesen, mit dem wir nach Gatow geflogen waren. Jetzt mußten wir zu dritt herausfliegen, obwohl die Maschine nur zweisitzig war.

Kuriere meldeten, daß die Achse noch auf vierhundert Meter frei von Granattrichtern sei, doch könne sich das jede Sekunde ändern. Der Start würde auf jeden Fall Glücksache sein.

Die feindlichen Scheinwerfer suchten mit langen Fingern unablässig die Achse ab. Trotzdem konnte die „Arado“ ungesehen vom Boden abheben. Wir nahmen Richtung Brandenburger Tor. Der Siegeswagen stand wie eine schwarze Silhouette im Licht der Scheinwerfer. Wir flogen über ihn hinweg. Der Feind hatte uns jetzt aufgespürt und schoß mit Leuchtspurmunition. Die ganze Luft schien erfüllt davon.

In etwa siebzehnhundert Meter Höhe erreichten wir eine Wolkenschicht, die uns rettend aufnahm. Wir durchflogen sie, und über uns war der Himmel wieder mondhell und klar. Wir nahmen Richtung Rechlin. Der silberne Glanz der märkischen Seen wechselte ab mit dem roten Schein der brennenden Dörfer, die überall die Straßen des Krieges und der Verwüstung säumten.

Morgens gegen drei Uhr landeten wir in Rechlin, von den Männern des Führungsstabes, der sich noch dort befand, schweigend empfangen. Fröstelnd, übernächtigt und innerlich zerrissen von dem Erlebten, stiegen wir aus der Maschine und betraten wieder festen Boden.

Die Luft war kalt und klar. Ich atmete tief auf. Doch spürte ich nicht auch hier schon aus Asche den Geruch von Brand und Untergang?

Nach Besprechungen, die Feldmarschall von Greim mit dem Stab in Rechlin führte, flogen wir nach Plön zu Großadmiral Dönitz und von dort nach kurzem Aufenthalt nach Dobbin zu Feldmarschall Keitel.

Die kleine „Bücker“, die ich mit Vorbedacht gewählt hatte, war wendig und hatte gute Sicht. Sie schien deshalb am ehesten ein Durchkommen zu gewähren. Ich vermied es, über Straßen und Bahngleise zu fliegen, die das ständige Ziel von Tieffliegern waren, schlich mehr als ich flog in niedrigster Höhe von Wald zu Wald, immer am Rand entlang, wo die Schatten uns schützend aufnehmen konnten, und sprang über Hecken und Zäune, um den Feindfliegern zu entgehen. Streckenweise mußten wir die Maschine mit einem Auto vertauschen. Aber auch diese Fahrten waren nicht weniger gefährlich und qualvoll, als es der Flug gewesen war. Immer wieder mußten wir anhalten und mit dem verwundeten Feldmarschall in Deckung gehen. Nachdem wir uns von Keitel getrennt hatten, da vor Güstrow russische Panzer gemeldet waren‚ fuhren wir zurück nach Lübeck. In der Nacht vom 1. auf 2. Mai hörten wir im Radio die Nachricht von Hitlers Tod und daß sich die neue deutsche Regierung unter Dönitz konstituiert hatte.

Abermals war Plön unser Ziel.

Doch unser Aufenthalt betrug nur Stunden. Greim drängte, zu seinen Truppen in Böhmen zu kommen. Wir flogen deshalb mit einer Do 217 nach Königgrätz. Schon unterwegs wurde er von einem schweren Nesselfieber befallen, das sich als Folge der Tetanusspritze einstellte.

Vier Tage lag er in Königgrätz mit hohem Fieber, das sein Herz bedrohlich angriff, während die Ereignisse über Deutschland hinwegrollten. Als er am 7. Mai zum erstenmal wieder fieberfrei war‚ erreichte ihn die Nachricht von der bevorstehenden Kapitulation am 9. Mai.

Bevor Greim eine persönliche Entscheidung für sich und seine Truppen traf, wollte er sich mit Generalfeldmarschall Kesselring in Verbindung setzen. In zwei Maschinen flogen wir deshalb nach Graz und von dort aus nach Zell am See, wo sich Kesselring aufhalten sollte.

Ein wunderbar ruhiger Flug, dessen Frieden in krassem Gegegensatz zu den turbulenten Ereignissen stand, trug uns über die Alpen. Als wir am 8. Mai in Zell am See landeten, erfuhren wir, daß bereits die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet worden war. Damit war Greim auch die Rückkehr zu seinen Truppen abgeschnitten.

Das Lazarett in Kitzbühel nahm den Kranken, der immer noch bettlägerig war, auf. Es erfolgte der Einmarsch der Amerikaner und der innere Zusammenbruch für uns, die wir Besiegte waren.

Nach der Kapitulation

Der einzige, mich tröstende Gedanke war die Nähe meiner Familie, die ich in Salzburg wußte. Der Gedanke bedeutete in dem Unglück, das uns empfing, Heimat und Geborgenheit für mich. Gerne hätte ich ihnen Nachricht zukommen lassen. Endlich fand sich eine Gelegenheit dazu durch einen Boten. Aber sie antworteten nicht mehr. Nur sieben Grabhügel der liebsten Menschen, die ich besaß, waren geblieben.

In den Tagen vor dem Einmarsch der Amerikaner war das Gerücht verbreitet worden, daß alle Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgebracht würden. Mein Vater hatte erlebt, was das für die Frauen und Kinder der Ostgebiete bedeuten mußte, weil er in die zeitweise zurückeroberten Dörfer als Arzt geholt worden war. Er fühlte nur die Verantwortung, die Seinen davor zu bewahren; darum nahm er das Schwerste auf sich. Mein Bruder galt als verschollen, von mir wußte man nicht, daß ich noch lebte.

Auch Ritter von Greim schied aus dem Leben, wenige Tage, nachdem ich die Nachricht vom Tod meiner Familie erhalten hatte. Amerikanische Offiziere hatten ihn unter nicht gerade würdiger Behandlung nach Salzburg gebracht; von hier aus sollte er als Gefangener abtransportiert werden. Jetzt, da die Ehre des Ofliziers nichts mehr galt, endete sein Weg, den er unbeirrt, getreu der Tradition seines Standes, in letzter Pflichterfüllung gegangen war.

Ich versuchte zu leben. Und ich lebte.

Ich war jetzt Gefangene der Amerikaner. Achtzehn Monate sollte ich es bleiben und in krassem Wechsel alle Stationen einer „high criminel person“ durchmachen.

Mein Verschulden?

Ich war eine Deutsche, eine Fliegerin, die man kannte, von der man wußte, daß sie bis zuletzt ihre Pflicht getan hatte und ihr Vaterland heiß liebte. Legenden rankten sich um meinen letzten Flug. Konnte ich nicht vielleicht doch Hitler irgendwo versteckt haben?

Höflich und zuvorkommend wurde ich in der Villa in Gmund, wohin man mich zuerst von Kitzbühel aus gebracht hatte, behandelt. Vielleicht gab ich das vermutete Geheimnis preis? Danach stießen mich Kolbenschläge amerikanischer Wachen in die Zelle des Gefängnisses, in dem ich die demütigende Unfreiheit kennen lernte, die Gleichförmigkeit der Tage zwischen engen Wänden, während das Auge sehnsüchtig ein Stück Himmel durch das hochgelegene kleine, vergitterte Fenster zu erhaschen sucht. Dann wurde ich zwischen Kisten und Gepäck auf einen Jeep verfrachtet, der in einer Teufelsfahrt über Straßen fuhr, die nur aus Schlaglöchern zu bestehen schienen, um mich endlich nach neunstündiger Fahrt, zerschunden und verbeult, mit entsetzlichen Schmerzen behaftet, im Internierungslager abzuliefern.

Wieder schloß sich hinter mir die Zellentür.

Der Raum hatte die Größe eines Schlafwagenabteils. Er besaß außer einem Strohpolster, das auf dem Boden lag, keinerlei Einrichtungsgegenstände. Das vergitterte Fenster war ohne Glas, so daß die feuchte Oktoberkälte einströmen konnte.

War das Amerika? Amerika, das ich 1938 gesehen, erlebt und lieben gelernt hatte?

Ich ließ nicht nach, in dem Gesicht des Siegers zu lesen, weil ich hoffte, etwas von jenem amerikanischen Gesicht zu finden, wie ich es in Erinnerung hatte. Aber ich fand es nicht, und das war noch schlimmer als der Stacheldraht, der mich von der Freiheit trennte.

Das Gesicht Amerikas hatte sich in Haß verhärtet.

Dann kam ein Tag, an dem in Oberursel im Haus „Alaska“, dem letzten Internierungslager, in das man mich eingewiesen hatte, ein amerikanischer General erwartet wurde. Er kam und suchte mich in meinem Zimmer auf. Ich begegnete in dieser Stunde jenem Amerikaner, wie ich ihn von drüben kannte, offenherzig, freimütig und menschlich aufgeschlossen. Ich lernte später auch seine Frau kennen, eine grauhaarige Amerikanerin mit schönem, klarem Gesicht. Auch sie lebte in der Vorstellungswelt des Siegers von 1945. Schon an den deutschen Verhältnissen hatte ich erfahren, daß Propaganda nicht nur zu einer groben, mißbräuchlichen Verallgemeinerung verleiten kann, sondern Menschen und Völker blind macht gegen eigene Schuld. Die Gespräche mit dem General und seiner Frau bestätigten mir nur, daß es auf der Seite des Siegers nicht anders zuging. Diese beiden Menschen waren nämlich zum Unterschied von denen, welche mich bisher bewacht, vernommen und verhört hatten, nicht kleinlich und rachsüchtig, sondern großherzig und aufrichtig und entsprachen damit dem Bild, welches ich von Amerika seit 1938 hatte. Aber auch an ihnen konnte ich die Wirkung einer jahrelang gegen Deutschland gerichteten Propaganda studieren.

Aber vielleicht war alles, was ich als Gefangene durchmachen mußte, nicht amerikanische Grausamkeit, sondern Verblendung von Völkern, die gegeneinander Krieg führen?

Wieder ist es Sommer geworden. Auf hellem, blauem Grund zeigt der Himmel schleierartige Wolkenbildungen. Ich stehe an dem offenen Fenster meines Gartenzimmers, das ich seit meiner Entlassung aus der Gefangenschaft bewohne, und sehe, wie sich die Wolken bilden, sich formen und langsam wieder zerfließen.

Ich habe Flugsehnsucht. Nach den Wolken, dem Wind, nach der Weite. Dort oben möchte ich jetzt mit meinem Segelflugzeug lautlos ziehen, fern unter mir die Erde. Und während meine Hand ruhig den Steuerknüppel hält, blicken meine Augen über die glänzenden Flügelflächen hinweg in den Himmel. Ehrfurcht erfüllt mich, denn um mich herum ist Schweigen.

Im Gleitflug trägt mich nun das Segelflugzeug wieder der Erde zu.

Sie kommt näher und näher. Berge erheben sich, Hügel fallen zur Ebene ab, Städte wachsen empor.

Die Erde ist dieselbe geblieben. Aber sie hat sich nun in mir gewandelt. Wer Gott begegnet ist, muß dem Menschen nahe sein. Das ist die Erkenntnis, die mich das Fliegen gelehrt hat. Menschlicher Geist, Wissenschaft und Technik vermögen nichts, wenn Herz und Seele mit der Entwicklung nicht Schritt halten. Sie sind das Gewissen, das zur Ehrfurcht vor der göttlichen Ordnung führt. Haben wir nicht längst im Nächsten den Menschen verloren? Wir werden ihn erst wiederfinden, wenn wir die Ehrfurcht wiedergefunden haben.

Und wir Flieger haben alle die Aufgabe, das, was wir am Himmel erlebt haben, auf die Erde hinunterzutragen. Es kann kein besseres Werkzeug geben für Frieden und Versöhnung als unseren geliebten Segelflug.

Fliegen — ist mein Leben.

Der Flug über der Erde ist sein Sinnbild. Möge das Fliegen in Zukunft nur noch dazu dienen, die Menschen und Völker einander näherzubringen.

1  Daher mußte die unbemannte V 1 im Tragschlepp der He 111 näher an das feindliche Ziel herangetragen werden.
2  g = Einheitsmaß der Beschleunigung
 

 













Autor: endederluege

Hier stehe ich, Henry Hafenmayer, ehemaliger deutscher Lokführer. Ich kann dem Völkermord an meinem Volk nicht mehr tatenlos zusehen. Ich tue meine Pflicht. Ich tue was ich kann.

2 Gedanken zu „Hanna Reitsch – Auszüge“

  1. Hanna Reitsch war in meiner Jugend eine meiner Idole. Als wenig begabter Segelflieger war Fliegen mein Traum.

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